Wolfgang Pavel: Displaygrößen

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Der 16:9-Unsinn

Vorweg: Ich habe nichts dagegen, dass es Bildschirme / Displays im Seitenverhältnis 16:9 gibt. Für Leute, die überwiegend Filme gucken, ist das wohl in Ordnung. Der Unfug ist, dass es fast nur noch das 16:9-Format gibt, insbesondere derzeit im Notebook-Bereich. Selbst Hersteller, die eine gesonderte Modellreihe für geschäftliche Zwecke haben, bieten dort unverständlicherweise nur noch das 16:9-Format an.

Dabei ist das 16:9-Format objektiv(!) das schlechteste aller bisherigen Bildschirmformate. Neu: 21:9 ist noch viel schlechter.

Hier zeigt sich ein eklatantes Beispiel dafür, wie Hersteller – und in ihrem Sog Händler – nicht mehr das anbieten, was der Anwender braucht, sondern diktieren, was die Leute zu kaufen haben.

Erstes Argument: die Anpassung an reale Formate.

Wenn man verlangt, dass Bildschirmformate den realen Formaten entsprechen – das ist mit dem Filmformat eine Begründung für das 16:9- und 21:9-Format – muss man berücksichtigen, dass es auch Anwendungen mit ganz anderen realen Formaten gibt, und dass solche Anwendungen für viele Leute wichtiger sind als Filmegucken.

Wer vorrangig mit Papierdokumenten arbeitet, hat es in unseren Breiten mit dem DIN-Format zu tun, also einem Seitenverhältnis von √2:1 , das ist näherungsweise 14:10. Und wer das amerikanische Letterformat verwendet, hat ein noch kleineres Seitenverhältnis von näherungsweise 13:10 . Immer wieder hört man nachgeredet, dass auf den breiteren Bildschirmen besser 2 DIN-A4-Seiten (hochkant) nebeneinander angezeigt werden können; dabei übersieht man die Ureigenschaft des DIN-Formats, dass zwei gleich große Seiten hochkant nebeneinander dieselben Maße haben wie das nächst größere DIN-Format quer – eben ca. 14:10 .

Wer mit Fotos hantiert, hat es entweder mit dem Kleinbildformat 3:2, das ist 15:10 oder mit dem klassischen digitalen Format 4:3, das ist 12:9 oder 16:12, zu tun. Beides weit entfernt von 16:9. (Tatsächlich bieten neuere Kameras auch die 16:9-Einstellung an; es bleibt zu hoffen, dass diese Hässlichkeit nicht allzu viele Freunde findet.)

Und wer freie Formate gestaltet, sei es für Plakate, sei es für Präsentationen, und so weiter, wird sich bewusst oder unbewusst an dasjenige Format anlehnen, dass schon seit Jahrhunderten als das ästhetisch schönste gilt: den goldenen Schnitt; und das ist ein Verhältnis von angenähert 16:10 .

Der Überlegung, dass man bei Verwendung von Fenstern rechts und links noch Platz für Menüs, Werkzeugleisten und Ähnliches braucht, steht entgegen, dass es auch oben und unten Menü-, Werkzeug-,Statusleisten gibt: das hebt sich insgesamt gegeneinander auf. Die Unsitte einiger neuerer Programme, insbesondere von Browsern, ein oder mehrere Menüleisten erst einmal gar nicht anzuzeigen, ist wohl ein hilfloser Versuch, die Nachteile des Breitformats auszugleichen: lästig und besonders für Anfänger verwirrend. Natürlich aktiviert man früher oder später die Ansicht der Menüleisten wieder, womit der Platz für Informationen auf eine fast unerträglich kleine Höhe schrumpft. Schlimm, wenn man sich dann noch sogenannte Toolbars eingefangen hat.

Zweites Argument: die kleinere Fläche beim 16:9-Format.

Universelles Größenkriterium für Bildschirme ist die Länge der Diagonale. Bei vorgegebener Diagonale hat ein Bildschirm im 16:9-Format die kleinste Fläche aller bisherigen Formate – neu: 21:9 ist noch kleiner. Ein Rechenbeispiel gefällig?

Bei überall gleich großer Diagonale
und einem Seiten­verhältnis von 1​:1 4​:3 3​:2 16​:10 16​:9 21​:9
ist die Fläche ein Teil der
Quadratfläche von (Prozent)
100 96 92 90 85 72

Es sei die Diagonale mit 15' oder - in unseren Breiten bequemer vorzustellen - 38.1 cm vorgegeben; die folgenden Ergebnisse sind qualitativ auf beliebige andere Diagonalen übertragbar.

Um mit dieser Diagonale ein Seitenverhältnis 16:9 zu bekommen, muss das Rechteck angenähert die Maße 33.2 cm x 18.7 cm haben, das ist eine Fläche von 620.8 cm2 .

Um mit derselben(!) Diagonale ein Seitenverhältnis 16:10 zu bekommen, müssen die Maße angenähert 32.3 cm x 20.2 cm haben, eine Fläche von 650.4 cm2.

Und das klassische Seitenverhältnis 4:3 bekommt man bei derselben Diagonale mit den Maßen 30.5 cm x 22.1 cm, also eine Fläche von 674 cm2 .

Um ein Seitenverhältnis 21:9 mit dieser Diagonale zu bekommen, muss das Rechteck angenähert die Maße 35 cm x 15 cm haben, das ist eine Fläche von 525 cm2 .

Damit ergibt bei fester Diagonale das 16:9-Format eine um 4.5% kleinere Fläche als das 16:10-Format, und eine um fast 8% kleinere Fläche als das 4:3-Format. Das sind einige 100 Schriftzeichen in gängiger Schriftgröße weniger, und damit ein halbes bzw. ganzes Dutzend Schriftzeilen.

Beim 21:9-Format beträgt der Flächenverlust gegenüber 16:10 sogar fast 20% – meines Erachtens unbrauchbar.

Gibt es jetzt den Pixel-Einwand? »Mein neuer Bildschirm hat doch 900x1600 Pixel, der ältere nur 900x1440, und der ganz alte sogar nur 900x1200 ?«

Drittes Argument: die Mogelpackung mit den Pixeln.

Das kennt man ja von etlichen anderen Branchen: kleineren Inhalt durch geschicktes Verpacken genau so groß wie vorher oder sogar größer erscheinen zu lassen. Die Bildschirmhersteller lassen dazu die Pixelzahl auf der kürzen Seite, also der Höhe, unverändert, was beim 16:9-Format zwangsläufig zu einer erhöhten Pixelzahl in der Breite führt. Trotzdem ist, wie eben gezeigt, die Fläche kleiner. Denn die erhöhte Pixelzahl erhöht keineswegs die sichtbare Fläche, sondern nur die Auflösung. Das ist aber ein ganz anderes Kriterium und ist eigentlich unabhängig vom Seitenverhältnis. Deshalb ist die heute übliche Angabe der Pixelzahlen in Höhe und Breite eine Mogelpackung. Korrekt wäre die Angabe der Auflösung in Pixel pro Längeneinheit, z. B. dpi, und davon unabhängig die Angabe der tatsächlich sichtbaren Maße, die sich nur aus Diagonale und Seitenverhältnis ergeben und von der Pixelzahl völlig unabhängig sind.

Auch die Behauptung, auf den 16:9-Bildschirm »ginge mehr drauf«, ist Mogelpackung. Denn durch die höhere Auflösung sind alle angezeigten Objekte bei gleichen Pixelmaßen sichtbar kleiner, was beim Arbeiten mit Texten durchaus von Nachteil sein kann. Andererseits kann man das »Mehr draufgehen« in jedem Bildschirmformat je nach Möglichkeiten durch Erhöhung der Auflösung oder durch Zoomen erreichen. Dazu bedarf es nicht eines besonderen Formates. Wenn man alles kleiner darstellt, passt natürlich »mehr« darauf.

Ein Testvorschlag: man stelle Bildschirme mit derselben Diagonalenlänge mit unterschiedlichen Seitenverhältnissen nebeneinander auf, z. B. 16:9, 16:10 und 4:3. Dann zeige man auf allen Bildschirmen Ergebnisse derselben Anwendung, am besten eine, die möglichst feines Zoomen erlaubt. Dann justiere man die Anzeigen durch Zoomen so, dass die angezeigten Objekte, insbesondere Schrift, auf allen Bildschirmen dieselbe tatsächlich sichtbare Größe haben, also nicht Pixelgröße, sondern Größe in Längeneinheiten, z. B. mm. Und dann stelle man fest, auf welchen Bildschirm am meisten »drauf geht«.

Viertes Argument: die schwarzen Streifen.

Filmegucker argumentieren, dass man auf einem Display, das kein 16:9-Verhältnis hat, oben und unten schwarze Streifen hat (wenn man nicht seitlich beschneiden möchte). Das Argument kehrt sich aber ins Gegenteil, wenn man etwas Anderes als Filme auf einem 16:9-Bildschirm darstellt.

Um bei dem im zweiten Argument genannten 15''-Beispiel zu bleiben: Stellt man auf einem 16:10-Bildschirm mit dieser Diagonalen einen 16:9-formatigen Film im Vollbild dar, bleiben oben und unten die bekannten dunklen Streifen; es werden von den 32.3 cm x 20.2 cm nur 32.3 cm x 18.1 cm genutzt. Das entspricht einer Diagonalen von ca. 14.5''. Stellt man andererseits auf demselben Bildschirm ein Foto im klassischen Kleinbildformat 3:2 vollbildig dar, muss man seitlich auf Platz verzichten und kommt auf 30.3 cm x 20.2 cm, was einer Diagonale von ca. 14.3'' entspricht. Beide Verluste in derselben Größenordnung scheinen erträglich. Ganz anders, wenn man das Kleinbildfoto auf dem 16:9-Bildschirm mit 15'' Diagonale darstellt: das geht nur mit einer Bildgröße von 28 cm x 18.7 cm, was einem kleinen Bildschirm mit 13.3'' entspricht. Noch extremer wird es mit Bildern und Grafiken im klassischen Digitalformat 4:3.

Die Tabelle zeigt für einige Fälle, wie ein Bild oder Film mit seinem Seitenverhältnis auf einem Monitor/Display mit anderem Seitenverhältnis aussieht:

Bild 16​:93​:23​:24​:316​:103​:2
Dis­play 16​:1016​:1016​:916​:921​:921​:9
sieht  so aus

Zum Schluss: Bei einem Monitor kann man zum Ausgleich der wesentlichen 16:9-Nachteile zu einer Nummer größer greifen; bei Notebooks ist diese Möglichkeit auszuschließen. Während es bei Monitoren noch (oder wieder?) eine gewisse Auswahl an verschiedenen Formaten gibt, findet man bei neuen Notebooks fast nur noch 16:9. Bei 21:9 dürfte es allerdings überhaupt keine Abhilfe mehr geben; es sei denn, man betrachtet die inzwischen angebotene Krücke, den Bildschirm beim Gebrauch in quasi 2 Monitore zu teilen, als Lösung.


geschrieben: Februar 2004; ergänzt:Juni 2011


Weil ich immer wieder Anfragen nach Monitoren in vernünftigen Maßen bekomme, hier ein Link zu einer Internetseite, auf der Sie sehr viele Ihrer Wunsch-Kriterien eingeben und sich dann entsprechende Monitore anzeigen lassen können:
► www.prad.de
Wählen Sie dort im Kopfmenü »MONITORE« und dann im linken Seitenmenü »MONITOR SUCHE« . Das Bildschirmverhältnis ist aber nicht als Kriterium enthalten: Kreuzen Sie stattdessen »Auflösung (empfohlen)« an; es erscheint unter der Auswahltabelle ein eigener Absatz zu diesem Punkt, in dem Sie alle Ihnen passenden Auflösungen aus dem linken Kasten in dem rechten zusammenstellen können.
Leider sind seit einiger Zeit die dann angezeigten Auswahltabellen meist Amazon-lastig; besonders dessen Gebrauchtangebote erzeugen etwas Unübersichtlichkeit.